Das LeSS Framework – die wichtigsten Infos zum Large Scale Scrum Rahmenwerk

von Business-IT-Alignment

Management Summary

  • Das Large Scale Scrum (LeSS) Framework ist ein anpassbarer Ansatz die Produktentwicklung nach Scrum auf mehrere verteilte Teams zu skalieren.
  • LeSS unterscheidet zwischen dem Einsatz bis 8 Teams (LeSS) und über 8 Teams (LeSS Huge). Die große Ausbaustufe sieht zusätzliche Rollen, Ergebnistypen und Meetings vor.
  • Das Rahmenwerk darf im kommerziellen Umfeld frei verwendet werden. Die offizielle Webseite bietet zahlreiches Material zum kostenfreien Download.

Was ist das LeSS Framework?

Das Large Scale Scrum Framework, kurz LeSS Framework, ist ein flexibel ausgestaltbarer Ordnungsrahmen für die verteilte Produktentwicklung von mehreren nach Scrum arbeitenden Teams. LeSS liefert Ihnen einen Aufbau- und Ablauforganisation, um Ihre einzelnen Scrum Entwicklungsteams mit geringem administrativen Aufwand effektiv zu synchronisieren.

Im Kern steht das Produkt, verantwortet durch einen einzigen Product Owner. Dieser schneidet aus Kundensicht das Produkt funktions- und komponentenübergreifend in Features, die parallel von mehreren selbstorganisierten Teams realisiert werden. Koordinationselement ist ein zentrales Product Backlog. Aus dieser Anforderungsliste bedienen sich die Entwicklungsteams und füllen ihr individuelles Sprint Backlog.

Im Gegensatz zu anderen Scaled Agile Ansätzen wächst LeSS mit seinem Einsatzumfang. Statt das Framework vor dem Einsatz auf Ihre Organisation zurechtzuschneidern – also unnötige Konzepte zu entfernen (englisch ‚to tailor‘) – ergänzen Sie bei LeSS erforderliche Konzepte in Abhängigkeit des Entwicklungsprojektes und der organisatorischen Randbedingungen. Das Framework strebt nach dem Sweet Spot – so viele Vorgaben wie nötig, so wenige wie möglich.

Wie ist das LeSS Framework aufgebaut?

Dreh- und Angelpunkt des Large Scale Scrum Frameworks sind 10 Prinzipien. Diese weit gefächerten Denkmodelle helfen Ihnen, dass Vorgehensmodell Scrum auf mehrere Teams zu skalieren und damit verteilt Produkte agil zu entwickeln. Nachfolgend die zehn Prinzipien nebst einige der Kerngedanken:

  • Large-Scale Scrum ist Scrum: Im Kern steht die Umsetzung eines team-übergreifenden Scrums.
  • Transparenz: Gemeinsame Definition, Zusammenarbeit, kurze Entwicklungszyklen sowie konkrete Ergebnistypen.
  • Mehr mit Weniger: Reduktion von Ausschuss und Blindleistung sowie Rollen- und Ergebnisdefinition.
  • Gesamtproduktfokus: Ein Product Backlog, ein Product Owner, ein Product Increment und ein Sprint – ganz egal, ob mit 2 oder 33 Teams.
  • Kundenzentrierung: Enggetaktete Feedbackschleifen mit dem Kunden bei konstantem Blick aus der Kundenperspektive.
  • Kontinuierliche Verbesserung hinzu Perfektion: Lieferung von fehlerfreien Produkten, die den Kunden erfreuen.
  • ‚Lean‘ (knapp) Denken: Arbeit mit Respekt und persönliches Vergewissern vor Ort.
  • Systemisches Denken: Konzentration auf das Gesamtsystem, statt Entwicklungsteams oder -schritte.
  • Empirische Prozesssteuerung: Inspektion & Anpassung des Produktes, der Entwicklungsprozesse und der Organisationsstruktur auf Basis von hypothesengetriebenen Experimenten.
  • Warteschlangentheorie: Nutzung von Warteschlangenkonzepten für das Managen von Multitasking, Schlangenoptimierung, Arbeitspaketen etc..

Falls Sie den Scrum Guide, Ansätze wie Lean Production oder die Theory-of-Constraints kennen, dann sollte Ihnen viele der Prinzipien bekannt sein. Im Kontext der verteilten Produktentwicklung fasst LeSS diese erstmalig zusammen.

LeSS Framework

Die 10 LeSS Prinzipien (Quelle: https://less.works/resources)

Neben den Prinzipien fordert das Large Scale Scrum Framework eine Technische Exzellenz. Dazu gehören Umsetzungsaspekte wie beispielsweise

  • eine kontinuierliche Integration,
  • eine kontinuierliche Auslieferung,
  • sauberer Programmcode und
  • eine Automation von Tests.

Weitere Strukturinformationen zur LeSS Aufbauorganisation, ihren Arbeitsweisen, Ereignissen, Ergebnistypen und Regeln sowie dem richtigen Mindset erhalten Sie auf der LeSS Webseite unter Structure, Management bzw. Rules.

Wie lässt sich das LeSS Framework einsetzen?

Das Large Scale Scrum Framework unterscheidet zwischen zwei Einsatzszenarien: LeSS und LeSS Huge.

LeSS (2 bis 8 Teams)

In der ersten Variante arbeiten 2 bis zu 8 Teams mit jeweils maximal 8 Mitgliedern gemeinsam an einem Produkt. Grundlage ist dabei das Vorgehensmodell Scrum. Ein einziger Product Owner verantwortet das Produkt.

LeSS Framework

Aufbau & Ablauf von LeSS für bis zu 8 Entwicklungsteams (Quelle: https://less.works/resources)

LeSS Huge (über 8 Teams)

In der zweiten Variante entwickeln mehr als 8 Teams mit jeweils maximal 8 Mitgliedern nach Scrum an einem Produkt. 4 bis 8 Teams arbeiten gemeinsam unter einem Area Product Owner (APO) an einem sogenannten Requirement Area. Dabei handelt es sich um eine Menge von aus Kundensicht zusammengehörigen Produktanforderungen, notiert in einem Area Backlog. Gesamtverantwortlicher ist und bleibt der Product Owner. Alle Teams nutzen die gleiche Definition of Done, die Entwicklungsarbeit je Requirements Area erfolgt parallel in einem gemeinsamen Sprint.

LeSS Framework

Aufbau & Ablauf von LeSS Huge ab 8 Entwicklungsteams (Quelle: https://less.works/resources)

Die Zahl 8 ist hier keine magische Zahl. So mag es situationsbedingt für Unternehmen sinnvoll sein, bereits bei 6 Teams auf LeSS Huge umzuschwenken. Andere Organisationen verbleiben auch bei 10 Teams noch bei LeSS.

Die Graphiken bringen die zentralen Bestandteile und das Vorgehen des LeSS Frameworks auf den Punkt. Zu Beginn und am Ende eines Sprints synchronisieren sich die Teams (bzw. Repräsentanten dieser) gemeinsam in fixen Scrum Terminen, also dem Planning bzw. Review bzw. Retrospective. Während des Sprints hingegen erfolgt der Austausch informell und bedarfsorientiert. Auf der offiziellen Webseite finden Sie ebenfalls die Abbildungen. Per Mausklick auf die verschiedenen Bereiche des ‚Big Pictures‘ gelangen Sie an weiterführende Details.

Auch bei der Einführung des Rahmenwerks steht Ihnen LeSS zur Seite. So erhalten Sie  anderem Hinweise für den perfekten Start, Coaching Tipps sowie eine Feature Team Adoption Map.

Worin bestehen die Stärken & Schwächen des LeSS Frameworks?

Vorteile

  • Aufbauend auf Scrum führt das Large Scale Agile Framework nur sehr wenige zusätzliche Konzepte ein. Damit hält LeSS ein, was sein Name und sein Motto „Less is more“
  • Arbeiten Einzelteams bereits nach Scrum, dann erlaubt LeSS ein strukturiertes Hochskalieren Ihres agilen Vorgehens auf Programme, Bereiche bzw. das gesamte Unternehmen.

Nachteile

  • LeSS gibt hinsichtlich Unternehmensstrategie, -architektur oder -portfolio keinerlei Hilfestellung. Ziehen Sie hier ergänzende Quellen wie das Scaled Agile Framework®(SAFe®) hinzu.
  • Das Large Scale Scrum Framework dient der Produktentwicklung. Weder LeSS noch LeSS Huge sehen ein Projekt- bzw. Programmmanagement vor. Trotz der Produktfokussierung empfehlen wir die Projektleitungskompetenzen (inkl. Ressourcenplanung, Risikomanagement, Terminplanung etc.) nicht zu vernachlässigen.

Wer steht hinter dem LeSS Framework?

Geistige Urväter von LeSS sind Craig Larman und Bas Vodde. 2005 arbeiteten die beiden Ingenieure bei Nokias Siemens Networks (NSN) und starteten zeitgleich die Entwicklung des Large Scale Scrum Frameworks. Neben dem Ur-Scrum ließen Larman und Vodde ihre Erfahrungen primär aus der Finanz- & Telekommunikationsbranche einfließen.

In unterschiedlichen Produktentwicklungsprojekten fanden die zwei Techniker empirisch heraus, welche agilen Konzepte in der Praxis komplexer Projektprogramme zum Ziel führen. Im Jahr 2013 transferierten sie ihre Erkenntnisse in das LeSS Framework.

Laut Larman und Vodde wurde das LeSS Framework sowohl in kleinen als auch großen Entwicklungsprojekten erprobt. Produktbasierte Firmen wie beispielsweise JP Morgan Chase und BMW nutzen den Ansatz gleichermaßen wie projektorientierte Organisationen wie Valtech. Die Fallstudien auf der Webseite belegen den Praxiseinsatz des Rahmenwerkes, u.a. für Entwicklungsprojekte mit über 2.500 Personen an 10 verschiedenen Standorten für mehrere Millionen C++ Programmcodezeilen und Individualhardware. Auch wir durften 2017 und 2018 einen Kunden bei der Einführung von LeSS für zentrale IT-Produkte begleiten.

Seit 2014 steht hinter dem Rahmenwerk die LeSS Company B.V.. LeSS ist frei verfügbar. Auf der offiziellen und Ende 2019 und partiell ins Deutsche übersetzten Webseite less.works finden Sie eine Menge kostenfreies englischsprachiges Material, beispielsweise Blogbeiträge, Lern- und Trainingsunterlagen, Videos und Buchkapitel. Einnahmen generiert die LeSS Company mit Zertifizierungen, Trainings, Coachings sowie Konferenzen.

Falls Sie sich rasch einen Überblick über das LeSS Framework machen wollen und deutsche Literatur vorziehen, dann empfehlen wir Ihnen das Fachbuch Large-Scale Scrum: Scrum erfolgreich skalieren mit LeSS von Larman und Vodde. Auf 290 fasst das 2017 erschienene Werk die Essenz des Rahmenwerks zusammen.

Fazit

Falls Ihre Teilprojekte bereits nach dem agilen Vorgehensmodell Scrum entwickeln und Sie dieses auf die Projekt-, Programm- oder auf Portfolioebene hochskalieren wollen, dann ist das Large Scale Scrum Framework eine Empfehlung.

Im Vergleich zu Ken Schwabers und Jeff Sutherlands Ur-Scrum fügt das Rahmenwerk nur wenige neue Rollen, Ereignisse, Ergebnistypen und Regeln hinzu. Im Gegensatz zu einfachen Ansätzen wie Scrum-of-Scrums integriert der Ansatz jedoch deutlich tiefer und umfassender die agilen Entwicklungsaktivitäten von verteilten Teams.

Leseempfehlungen

  • Cobb, C.: Enterprise-level Agile Project Management – Large Scale Scrum, Udemy Online Kurs, 2019
  • Large-Scale Scrum: Introduction to LeSS – Dawon, YouTube Video (letzter Abruf: 31.12.2019)
  • Larman, C., Vodde, B.: Large-Scale Scrum: Scrum erfolgreich skalieren mit LeSS, dpunkt.verlag, 2017
  • LeSS Company B.V.: Offizielle LeSS Webseite, https://less.works (letzter Abruf: 31.12.2019)
  • Schwaber, K.: The Scrum Guide, www.scrum.org/resources/scrum-guide (letzter Abruf: 31.12.2019)

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Dr. Christopher Schulz

Dr. Christopher Schulz

Managing Partner

Dr. Christopher Schulz berät seit 2007 Kunden in der Automobil- und Bankenbranche an der Schnittstelle zwischen Business und IT.

Er studierte Informatik am KIT in Karlsruhe und an der INSA de Lyon. Seine Consulting Schwerpunkte liegen im Enterprise Architecture Management sowie der Business Analyse.

Neben Kundenprojekten gibt Christopher seine Expertise mittels Fachartikeln, Vorträgen und Trainings weiter. Christopher bloggt leidenschaftlich gerne. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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